Arbeiterwohlfahrt

Kreisverband Offenbach am Main - Stadt e.V.

Der Journalist Anton Jakob Weinberger empfing erstmalig seine Gäste in der Aula der Wildbachschule zum Politischen Salon der AWO Offenbach

Der Journalist Anton Jakob Weinberger empfing erstmalig seine Gäste in der Aula der Wildbachschule zum Politischen Salon der AWO Offenbach. (Bild: AWO-Offenbach)

Der 1. Vorsitzende des AWO Kreisverband Offenbach a. M. - Stadt e. V., Kurt Herrmann eröffnete die Auftaktveranstaltung im neuen Format „Dialog und Disput“. Zu dem Thema „Krieg und Corona, Klimawandel und Inflation – Wie viel Krise vertragen wir?“ hatte Weinberger interessante Podiums-Gäste geladen, die komplexe Fragen des Journalisten aus ihrer jeweiligen Perspektive analysierten.

Die Frage: „Was ist eine Krise und wie gehe ich damit um?“, betrachtete Dipl. Psych. Werner Gross, Psychologischer Psychotherapeut, Sucht-, Organisations- und Unternehmensberater; Publizist und Buchautor aus seiner Sicht als Psychotherapeut und Coach. Das Leben sei eigentlich eine Abfolge von Krisen.

Das chinesische Schriftzeichen für „Krise“ setze sich zusammen aus den Begriffen „Gefahr“ und „Chance“. Es gäbe chronische Krisen (Corona), akute Krisen (Krieg) und langfristige Krisen (Klimawandel) und drei Möglichkeiten damit umzugehen: Kampf, Flucht und Aushalten. Momentan sei aus seiner Sicht kämpfen angesagt, wobei Aushalten manchmal auch seinen Sinn hätte. Denn eine kopflose Flucht hätte meist eher negative Folgen. Aus Krisen könne man durchaus Stärke ziehen. Er erstelle zunächst seine Diagnose: wie ist die gegenwärtige Situation? Wie ist diese entstanden und wie könnte der Plan für die Zukunft sein? Angst mobilisiere Energie, aber oft sei Hilfe von außen zur Orientierung und Stütze nötig „Du schaffst es selbst, aber oft nicht allein“ und „Je genauer du planst, desto härter trifft dich der Zufall“ seien häufige Maximen in der Krisenbewältigung. Wichtig seien deshalb kleine Schritte zu machen und sich Aufgaben zu stellen die auch tatsächlich zu bewältigen sind. Nicht umsonst gäbe es den Begriff Wachstumskrise. Auch eine positive Entwicklung beinhalte fast immer schmerzhafte Veränderungen. Dies treffe auch auf Politik und Wirtschaft zu.

Dr. Clemens Christmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände; Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Umweltpolitik, sieht eher eine „demokratische Krise“. Es gelte neue Regeln zu setzen, den Schrecken der Inflation zu überwinden, einen ruinösen Wettbewerb zu verhindern, die natürlichen Ressourcen zu schützen und zum Frieden zurückzukehren. Dabei dürfe man nicht nur auf die Politik starren. Um den Krisen entgegenzuwirken, müssten die Bürger ebenso Verantwortung übernehmen. Der Reifegrad unserer Demokratie werde sich nicht zuletzt daran erweisen, wie es in der Krise gelinge, dem Populismus entgegenzutreten. Er ist der Meinung das der Fortschritt insgesamt positiv sei. Das Rüstungsthema sei vor 40 Jahren viel spannender gewesen und es hätte sogar ein kurzes, krisenfreies Fenster von etwa 1990 bis 2008 gegeben. Die Frauenrechte seien deutlich verbessert, allerdings gäbe es zu wenig Nachwuchs und die chinesische Ein-Kind-Politik bis 2015 hätte katastrophale Auswirkungen hinterlassen.

Wirtschaftlich wurde es bei Gerhard Grandke, ehemaliger geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbands Hessen-Thüringen (2009-2021); Ex-Offenbacher Oberbürgermeister (1994 bis 2006), zur Inflationskrise: Er sieht in der aktuellen Übernahme der Credit Suisse durch die UBS nur eine sehr kleine Krise im weltweiten Vergleich, betont aber das ohne Hilfe durchaus ein Risiko für die Schweizer Wirtschaft bestehe. In der Europäischen Wirtschaft seien die Preistreiber die Energiekosten und die Lebenshaltungskosten. Man könne bei der weltweiten Krisenbewältigung nicht von europäischen Standards ausgehen. Starkbevölkerte Länder wie z.B. Nigeria mit über 213 Millionen Einwohnern widersprächen der pauschalen Forderung nach mehr Nachwuchs. Genauso seien aus seiner Sicht die Klimaziele weltweit nicht mehr erreichbar.

Stimmen aus dem Publikum in der abschließenden Diskussion kritisierten Grandkes Aussage zum Ukraine-Krieg, die Nato sei zwar eine gute Basis aber eben auch eine Verteidigungsgemeinschaft und das die Ukraine eben nicht der Nato angehöre. Merkel hätte den Nato-Beitritt 2008 verhindert.  Man müsse die Ukraine unterstützen, um zu vermeiden, dass die Russen sonst in einigen Jahren noch mehr Gebiete beanspruchen würden. Denn „Sieger werden nicht vor Gericht gestellt“.

Letztendlich fände Europa im Moment keine tragbare, gemeinsame Philosophie. Möglicherweise wird Europa aber aus den Krisen „Stärke ziehen“.

Nach knapp zwei Stunden Dialog und Disput bedankte sich Geschäftsführer der AWO, Thomas Ruff bei den Diskutanten und Moderator Anton Jakob Weinberger, der gekonnt mit provokanten Fragen keine Langeweile aufkommen ließ.

220 AWO 100J Logo

fb button